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Demenz findet im Gehirn statt. Nicht im Herz.

"Demenz findet im Gehirn statt. Nicht im Herzen."

Notizen aus der SÄLRIG-Ausbildung und aus dem Leben

Seit einiger Zeit bin ich in der SÄLRIG-Ausbildung und ich habe versprochen Euch bei dieser Erfahrung mitzunehmen.

 

SÄLRIG ist eine Ausbildungsreihe des Tibethaus Deutschland zur Begleitung von Menschen am Lebensende und in Zeiten schwerer Krankheit.

 

Ich merke, wie mich diese Zeit verändert.

Nicht spektakulär.

Eher leise.

Und zugleich sehr grundlegend.

Es wird konkreter.

Was ich mir selbst wünsche für mein Lebensende.

Was ich brauche.

Wie ich begleitet werden möchte.

Was ich regeln möchte.

Patientenverfügung, Vorsorge, Gespräche.

All das bekommt langsam Gestalt.

Und gleichzeitig öffnet sich ein Raum: für Mitgefühl, für Ehrlichkeit, für ein anderes Hinsehen.

 

An einem der vergangenen Kurswochenende ging es in der Ausbildung unter anderem um Demenz. Während wir darüber sprachen, dachte ich viel an meine Freundin – nennen wir sie Karen. Sie wird bald 80. Und sie hat eine mittelschwere Demenz.

 

Noch ist viel Klarheit da.

Sie erkennt mich.

Wir freuen uns, wenn wir uns sehen.

Und doch spürt man, dass sich etwas verschiebt.

Die Orientierung wird unsicherer.

Die Energie weniger.

Die Konzentration kürzer.

 

Vor kurzem waren wir zusammen essen.

Und sie begann zu erzählen.

Eine Geschichte.

Nach ein paar Minuten fing sie wieder an:

„Habe ich dir das schon erzählt?“

 

Am Anfang sagte ich noch:

„Ja, das hast du mir gerade erzählt.“

Und ich sah sofort, was es mit ihr machte.

Wie betroffen sie war.

Wie traurig, dass sie es schon wieder vergessen hatte.

 

Dann begann sie noch einmal.

Und wieder fragte sie:

„Habe ich dir das schon erzählt?“

 

In diesem Moment erinnerte ich mich an die Haltung der Achtsamkeit,

an meine innere achtsame Haltung.

An den Anfängergeist. An die offene Haltung.

 

Und ich dachte:

Warum soll ich mir das nicht noch einmal anhören?

Warum soll ich sie beschämen?

Warum soll ich sie traurig machen über etwas, das sie nicht ändern kann?

 

Also hörte ich zu.

Und ich hörte mir diese Geschichte an diesem Abend vier- oder fünfmal an.

 

Und es war nicht schlimm.

Sie war glücklich.

Sie war im Erzählen.

Im Kontakt.

Im Moment.

 

Und ich merkte:

Es geht nicht darum, dass alles „richtig“ erinnert wird.

Es geht darum, dass wir miteinander eine gute Zeit haben.

Dass Begegnung möglich bleibt.

 

Ein Satz aus der Ausbildung ist mir sehr geblieben: Demenz findet im Gehirn statt. Nicht im Herz.

 

Gefühle sind noch da.

Resonanz ist noch da.

Freude, Traurigkeit, Nähe.

Auch wenn Worte fehlen.

Auch wenn Gedanken sich verlieren.

 

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Haltungen

im Umgang mit Menschen mit einer demenziellen Erkrankung:

 

nicht korrigieren müssen.

nicht festhalten am Früher.

nicht beschämen.

 

Sondern da sein.

Mitgehen.

Neu hören.

Neu sehen.

 

Ja, es ist traurig.

Weil man spürt:

Der Mensch, wie man ihn kannte, verändert sich.

Und manches geht verloren.

Und zugleich ist da noch so viel da.

Im Herzen.

Im Kontakt.

Im gemeinsamen Moment.

 

Vielleicht geht es darum, das, was jetzt noch da ist, gut zu gestalten.

Miteinander.

So gut es geht.

 

Diese Ausbildung verändert mich. Sie macht mich wacher für das, was wirklich zählt.

Und sie bringt mich dazu, mein eigenes Leben und Sterben klarer zu sehen.

 

Und manchmal zeigt sie mir ganz schlicht: Es reicht, da zu sein. Und zuzuhören.

Auch wenn man dieselbe Geschichte noch einmal hört.

 

Eure Heike